Andy Roddick: Ich beneide Zverev nicht um seine schwierige Position

27 Mar | news | BY | MIN READ TIME |
Andy Roddick: Ich beneide Zverev nicht um seine schwierige Position

In seinem neuesten Blog spricht unser globaler Tennisbotschafter über den Druck auf Alexander Zverev, die bevorstehende Rückkehr von Jannik Sinner und das Potential von Mirra Andreeva.

Es gibt eine Menge Weltklassespieler, die bei den Miami Open nach ihrer Form suchen. Alexander Zverev (schied im Achtelfinale aus, Anm. der Redaktion) würde sagen, dass er seit Australien nicht mehr überzeugend gespielt hat, und es fühlt sich wie eine Ewigkeit an, als Novak Djokovic das letzte Mal zwei Turniere hintereinander in der ersten Runde verloren hat.

Es sind einige große Namen dabei, die in Australien jüngst im Halbfinale standen; die Form ist also da, wollen aber den nächsten Schritt machen.

Ich habe vor Indian Wells gesagt, dass der Wettbewerb nach dem Ausscheiden von Jannik Sinner sehr offen sein würde, und mit Jack Draper und Holger Rune standen der an Nummer 13 bzw. der an 12 gesetzte Spieler im Finale, was man seit den frühen 2000er Jahren nicht mehr gesehen hat. Das ist spannend, und wenn man dabei ist, muss man das Gefühl haben, dass man eine Chance hat, einen Titel zu holen.

Draper hat sich in so vielen Bereichen verbessert

Jack Draper war in Indian Wells phänomenal. Er hat sich stark verbessert, was seine Fitness, seine Rückhand und viele andere Bereiche seines Spiels angeht. Die Leute denken, dass er faul ist, nur weil er einen starken linken Aufschlag hat. Er hat aber seinen Gegnern im Verlaufe des Turniers ständig den Aufschlag abgenommen, und das ist etwas, das er eindeutig verbessert hat. Seine Returnposition in Indian Wells war so, wie sie Rafa [Nadal] früher hatte.

Ich mag Drapers Fortschritte und seine Akribie, aber es ist noch Luft nach oben, somit würde ich nicht sagen, dass er sich schon definitiv als Spitzenspieler etabliert hat. Wenn ich er wäre, würde ich sagen: „Okay, ich habe bewiesen, dass ich jeden auf der Welt schlagen kann. Ich habe Alcaraz in einem Turnier besiegt, das er liebt, und ich habe das Halbfinale eines Grand Slams erreicht.“

Der große Durchbruch ist oft, wenn man das erste Mal bei einem Slam richtig weit kommt und mit der Physis von fünf Sätzen zurechtkommt. Wahrscheinlich war es bei mir 2003 in Australien, als ich nach zwei Sätzen und einem Breakrückstand wieder zurückkam und in fünf Sätzen gewann. An seinen Körper zu glauben und zu wissen, dass er durchhält und man keine Kompromisse bei der Entscheidungsfindung eingehen muss, um die Punkte zu verkürzen, das ist eine wichtige Erkenntnis.

Man kann den Glauben nicht erzwingen, aber ich glaube, dass er sich bei Draper ziemlich schnell einstellt. Dass er dieses Jahr in Australien diese Fünf-Satz-Spiele überstanden hat, als er noch nicht einmal sein bestes Spiel gemacht hat, zeigt, dass sein Körper dem Verschleiß von fünf Sätzen standhalten kann, was wir vielleicht vorher nicht wussten.

Wird er auf Sand gut zurechtkommen? Man weiß es nicht. Aber kurz vor den French Open ist er mit Sicherheit nahe der Top Fünf anzusiedeln, vielleicht eine Stufe unter Jannik Sinner, und für mich gibt es keinen Grund, warum er sich dort nicht weiter etablieren kann.

Rom ist der perfekte Ort für die Rückkehr von Sinner

Sinner kehrt bei den Italian Open zurück und sein Heimpublikum in Rom wird ausrasten. Bei der Unterstützung und dem Ruhm, den er in Italien genießt, bin ich mir nicht sicher, ob es einen besseren Ort für sein Comeback geben könnte. Er hat in Turin gut gespielt und dort die ATP-Finals gewonnen, aber hat in Rom letztes Jahr gar nicht gespielt, so dass man Jannik in Italien noch nicht gesehen hat, seit er der beste Spieler der Welt geworden ist.

Ich mache mir keine Sorgen, dass die Gerüchte um seine Rückkehr ihn beeinträchtigen könnten, denn die gibt es schon seit den U.S. Open im letzten Jahr und er hat in dieser Zeit zwei Grand Slams gewonnen. Ich denke, dass er den Respekt der Kollegen in der Umkleidekabine hat, auch wenn sie mit der verwirrenden Natur der Dopingprotokolle und dem, was sie als Ungereimtheiten ansehen, nicht einverstanden sind. Vielleicht gibt es ein paar Wichtigtuer, die mehr daran interessiert sind, Meinungen zu twittern, als Fakten zu lesen, aber Jannik ist ziemlich unauffällig. Ich glaube nicht, dass er mit irgendeiner Art von kämpferischem Trotz antreten wird.

Tatsache ist, dass er zurückkommen wird, aber auf einem Belag, der wahrscheinlich nicht sein Favorit ist. Das heißt nicht, dass er darauf nicht großartig spielen kann, aber er wird an seinem letzten Erfolgen gemessen und kann eigentlich auf jedem Belag dominant spielen.

Seine Vorbereitung auf Paris wird wahrscheinlich beeinträchtigt sein. Ich glaube nicht, dass man drei Monate lang aussetzen und dann zurückkommen kann, als wäre nichts passiert. Es ist ein wenig wie beim Fahrradfahren, aber ich denke nicht, dass die drei Monate Pause spurlos an ihm vorbeigehen werden.

Zverev jetzt in einer schwierigen Lage

Ich weiß nicht, ob Alex Zverev sich unter Druck gesetzt fühlt, jetzt, wo Sinner ausfällt. So wie ich das sehe, geht es bei ihm in letzter Zeit eher darum, auf der Vorhandseite aggressiver zu sein, weil es vielleicht Fragezeichen gibt, ob er aktuell Turniere gewinnen kann.

Ich beneide ihn nicht um seine Position, denn jetzt heißt es ganz klar, einen Slam zu gewinnen oder zu scheitern. Es ist fast so, als ob die Leute seine Halbfinalteilnahmen nicht anerkennen würden. Er hatte zwei tolle Wochen in Australien, stand im Finale und die Experten reden immer noch nur davon, dass er noch keinen Slam gewonnen hat. Für mich ist das hart und deswegen kann es sein, dass er sich zu viele Gedanken über Sinner macht.

Andreeva ist eine zukünftige Nummer 1 der Welt

Was mich an Mirra Andreeva am meisten beeindruckt, ist ihre Fähigkeit, sich körperlich gegen die besten Spielerinnen der Welt durchzusetzen. Ich dachte, dass diese Körperlichkeit einige Zeit brauchen würde. Es ist kein Zuckerschlecken, wenn man mit 17 Jahren versucht, körperlich so dominante Spielerinnen wie Sabalenka und Swiatek zu schlagen. Ich habe ihr Tennis nie in Frage gestellt, aber sie schlägt jetzt auf, als hätte sie sich in den letzten vier oder fünf Monaten erstaunlich gut entwickelt.

Sie ist in der Lage, die Schultern beim Vorhand-Cross zu öffnen, ihre Bewegungen sind bereits erstklassig und es gibt nicht viele Schwächen in ihrem Spiel. Ich weiß nicht, ob irgendjemand jemals ihren Tennis-IQ in Frage gestellt hat, was bei einer 17-Jährigen sowieso Wahnsinn wäre.

Vor einem Monat habe ich in unserer Sendung gesagt, dass ich denke, dass sie mit Sicherheit eine zukünftige Nummer 1 der Welt sein wird. Ich mag es nicht, vom Sieg in Dubai gleich zu Steffi-Graf-Vergleichen überzugehen – das scheint mir, als würden wir ein paar Jahre überspringen – aber so wie sie spielt, wird sie in diesem Jahr ganz sicher zu den Top-Spielerinnen gehören.

Sie scheint auf allen Belägen zurechtzukommen, hatte letztes Jahr einen großartigen Lauf in Roland Garros und schafft es, sich mit den besten Spielerinnen der Welt zu messen. Alles deutet darauf hin, dass sie eher früher als später eine ernsthafte Herausforderin sein wird.

Swiatek musste sich nicht rechtfertigen

Iga Swiatek ist in die Schlagzeilen geraten, nachdem sie fast einen Balljungen mit einem Ball getroffen hatte, glaube aber nicht, dass sie auf ihre Kritiker in den sozialen Medien ausführlich reagieren musste. Ich denke, sie ist ein sehr nachdenklicher Mensch, der nicht unverantwortlich denkt, und keine Entscheidung, die sie trifft, ist zufällig. Ich vermute, wenn sie einfach gesagt hätte: „Hey, ich habe es vermasselt. Ich habe fast einen Balljungen getroffen, das ist meine Schuld“, dann weiß ich nicht, ob irgendjemand wirklich viel weiter gegangen wäre in Sachen Kritik.

Ich kann mir nichts Schlimmeres vorstellen, als eine E-Mail zu erhalten, in der steht, dass man positiv auf etwas wie Melatonin getestet wurde, obwohl es unbeabsichtigt war und ihre Unschuld inzwischen bewiesen ist. Das wäre die größte Katastrophe gewesen, die ich hätte erleben können. Bei ihren Aussagen hatte ich das Gefühl, dass es weniger um den Balljungen ging, sondern mehr darum, dass sie einfach mal alles rauslassen musste.

Auch hier sezieren wir jemanden, der bei den Australien Open und in Indian Wells im Halbfinale stand und dieses Jahr gut gespielt hat, und das alles, bevor wir in die Sandplatzsaison wechseln, wo sie eigentlich unbesiegbar ist. Jedes Jahr ist anders, aber wenn jemand bei den French Open gegen sie wetten möchte, würde ich diese Wette gerne annehmen.

Schlagwörter